Unser Tanz vor dem Spiegel.

„Als ich vor Jahren in einer Kunstschule in Italien Bildhauerei
studierte, hatte ich einen guten Freund, einen Schotten. Er studierte Kunst, um
Kunstkritiker zu werden. Am deutlichsten erinnerte ich mich an seine überspannte
Vorstellung von sich selbst. Er hielt sich für den sittenlosesten und sinnlichsten
Allround-Gelehrten und Künstler seiner Zeit. Und das hatte auch mit der Geschichte
zu tun, die ich Don Juan erzählte. Er hielt sich für einen Alleskönner. Sittenlos war er,
aber die Sinnlichkeit stand in völligem Gegensatz zu seinem verknöcherten,
nüchternen und ernsthaften Wesen. Er war ein begeisterter Anhänger des englischen
Philosophen Bertrand Russell und träumte davon, die Grundsätze des logischen
Positivismus auf die Kunstkritik anzuwenden. Ein Allround-Wissenschaftler und
Künstler zu sein, war vielleicht seine kühnste Idee, denn er war ein Bummelant und
hielt absolut nichts von Arbeit.
Aber seine dubiose Spezialität hatte nichts mit Kunstkritik zu tun, sondern beruhte
auf der persönlichen Kenntnis aller Prostituierten der lokalen Bordelle, von denen es
viele gab. Die farbigen und ausführlichen Berichte, mit denen er mich bedachte, um
mich, wie er sagte, über die wundervollen Dinge, die er in der Welt seiner Wahl
vollbrachte, auf dem laufenden zu halten, waren amüsant. Es überraschte mich
daher nicht, daß er eines Tages aufgeregt und beinahe außer Atem in meiner
Wohnung erschien. Er hatte offenbar etwas ganz Außerordentliches erlebt, das er
mir nicht vorenthalten wollte. »Carlos, das musst du mit eigenen Augen sehen!« rief
er begeistert in dem Oxford-Englisch, das er mir gegenüber immer benutzte. Er ging
unruhig im Zimmer auf und ab. »Es läßt sich kaum beschreiben, aber ich weiß, du
wirst es zu schätzen wissen. Der Eindruck wird dich ein Leben lang nicht mehr
loslassen. Ich werde dir ein wundervolles Geschenk fürs Leben machen. Begreifst dudas nicht?« Ich begriff nur, daß er ein verrückter Schotte war. Es machte mir jedoch
immer Vergnügen, ihm seinen Willen zu lassen und auf ihn einzugehen. Ich hatte es
bisher noch nie bereut.
»Beruhige dich, beruhige dich, Eddie«, erwiderte ich. »Worum geht es denn
eigentlich?«
Eddie berichtete, er sei in einem Bordell gewesen. Dort habe er eine unglaubliche
Frau kennengelernt, die etwas Unglaubliches tat, was sie den >Tanz vor dem
Spiegel< nannte. Er beteuerte immer wieder atemlos, ich sei es mir schuldig, diese unglaubliche Erfahrung selbst zu machen. »Mach dir keine Gedanken um das Geld!« sagte er, denn er wusste, ich hatte keins. »Ich habe bereits für dich bezahlt. Du musst nur noch mitkommen. Madame Ludmilla wird dir ihren >Tanz vor dem Spiegel< zeigen. Ihre Show ist einsame Spitze!« In einem unkontrollierbaren Heiterkeitsausbruch begann Eddie zu lachen und vergaß dabei erstaunlicherweise sogar seine schlechten Zähne, die er beim Lächeln oder Lachen sonst nie entblößte. »Du kannst mir glauben, die Frau ist einfach phantastisch!« » Ich wurde von Minute zu Minute neugieriger und bekam größte Lust, den Spaß an seiner neuen Entdeckung zu teilen. Eddie fuhr mit mir in seinem Wagen an den Stadtrand. Wir hielten vor einem schmutzigen, verwahrlosten Gebäude, wo die Farbe von den Wänden blätterte. Das Haus schien einmal ein Hotel gewesen zu sein, das man später in ein Mietshaus umgewandelt hatte. Ich sah noch die Überreste eines zertrümmerten Hotelschildes. An der Fassade gab es eine Reihe schmutziger kleiner Balkone mit Blumentöpfen oder mit Teppichen, die über dem Balkongeländer hingen. Am Hauseingang standen zwei dunkle, zwielichtig wirkende Männer mit spitz zulaufenden schwarzen Schuhen, die zu eng für ihre Füße zu sein schienen. Sie begrüßten Eddie überschwenglich. Sie hatten schwarze, unstete und bedrohliche Augen und trugen glänzende hellblaue Anzüge, die für ihre muskulösen Körper ebenfalls zu eng waren. Einer der beiden hielt Eddie die Tür auf. Mich beachteten sie nicht. Wir stiegen auf einer verwahrlosten Treppe, die einmal sehr prachtvoll gewesen sein musste, zwei Stockwerke nach oben. Eddie ging voran und führte mich durch einen langen hotelartigen Gang mit Türen an beiden Seiten. Die Türen waren alle in einem trostlosen schmutzigen Olivgrün gestrichen. Jede Tür hatte eine Nummer aus Messing, die vom Alter braungrün angelaufen und o auf dem lackierten Holz kaum zusehen war. Eddie blieb vor einer Tür stehen. Ich sah die Nummer 112. Er klopfte mehrmals. Die Tür wurde geöffnet, und eine kleine, dickliche Frau mit gebleichten blonden Haaren ließ uns wortlos eintreten. Sie trug einen roten seidenen Morgenmantel mit fedrigen, gerüschten Ärmeln und rote Pantoffeln mit flauschigen Bällen. Als wir in einem kleinen Flur standen und sie die Tür hinter uns geschlossen hatte, begrüßte sie Eddie in schrecklich gebrochenem Englisch. „ W »Hallo, Eddie! Du Freund mitgebracht, wie?« Eddie nahm ihre Hand und küßte sie weltmännisch. Er schien völlig gelassen zu sein, aber mir entgingen nicht die unbewussten Bewegungen, die seine Nervosität verrieten. »Wie geht es, Madame Ludmilla?« fragte er und versuchte dabei erfolglos, wie ein Amerikaner zu reden. Ich habe nie herausgefunden, warum Eddie in diesen halbseidenen Häusern immer für einen Amerikaner gehalten werden wollte. Ich hatte den Verdacht, er tat es, weil Amerikaner im Ruf standen, reich zu sein, und er wollte bei diesen Leuten als ein reicher Mann gelten. Eddie sah mich an und sagte mit seinem schlecht imitierten amerikanischen Akzent: »Ich lasse dich in guten Händen, Kleiner.« Seine Worte klangen so absurd unnatürlich, daß ich laut auflachte. Madame Ludmilla schien von meinem Gelächter keineswegs beunruhigt zu sein. Eddie küßte ihr noch einmal die Hand und verließ uns. »Verstehst du Englisch, my boy!« rief sie so laut, als sei ich taub. »Du siehst eher wie Ägypter oder vielleicht wie Türke aus.« Ich versicherte Madame Ludmilla, ich sei weder das eine noch das andere, und beteuerte, Englisch zu verstehen. Dann wollte sie von mir wissen, ob ich ihren >Tanz
vor dem Spiegel< zu sehen wünsche. Ich wusste darauf keine Antwort und nickte nur zustimmend mit dem Kopf. »Du bekommst gute Show«, versprach sie. »>Der Tanz
vor dem Spiegel< ist nur Vorspiel. Wenn du scharf und soweit bist, sag’s mir, und ich hör auf.« Wir gingen von dem kleinen Flur in ein dunkles, gespenstisches Zimmer. Vor den Fenstern hingen schwere Vorhänge. An der Wand brannten ein paar schwache Glühbirnen. Die Birnen hatten die Form von Röhren, die im rechten Winkel aus der Wand ragten. Im Raum befanden sich viele Gegenstände – Möbel wie zum Beispiel kleine Kommoden, antike Tische und Stühle. Ein Rollpult stand an der Wand. Darauf türmten sich Papier, Stifte, Lineale und mindestens ein Dutzend Scheren. Madame Ludmilla ließ mich auf einem gepolsterten Stuhl Platz nehmen. »Das Bett steht im Nebenzimmer, Kleiner«, sagte sie und deutete auf die andereSeite des Raums. »Dies hier ist meine Antisala. Hier tanze ich für dich, damit du scharf wirst und dann bereit bist.« Sie ließ den Morgenmantel fallen, entledigte sich der Pantoffeln und öffnete die Doppeltüren von zwei Kleiderschränken. Auf der Innenseite jeder Schranktür befand sich ein bodenlanger Spiegel. »Und jetzt noch die Musik, Kleiner«, sagte Madame Ludmilla und drehte die Kurbel eines Grammophons, das funkelnagelneu aussah und entsprechend glänzte. Sie legte eine Schallplatte auf. Die quäkende Musik erinnerte mich an einen Zirkusmarsch. »Jetzt kommt meine Show«, verkündete sie und begann, sich zur Begleitung der quäkenden Musik zu drehen. Madame Ludmilla hatte trotz ihres Alters eine weitgehend straffe und ungewöhnlich weiße Haut. Sie musste Ende Vierzig sein. Ihr Bauch war zwar nicht sehr schlaff, aber doch ein wenig, und das waren auch die üppigen Brüste. Sie hatte Hängebacken und Falten im Gesicht sowie eine kleine Nase und stark geschminkte rote Lippen. Wimpern und Brauen waren dick schwarzgetuscht. Sie wirkte wie der Inbegriff der alternden Prostituierten. Trotzdem hatte sie etwas Kindliches, eine mädchenhafte Unbekümmertheit, naives Vertrauen und etwas Liebenswertes, das mich rührte. »Und jetzt der >Tanz vor dem Spiegel<«, verkündete Madame Ludmilla zu den Klängen der Musik. »Bein! Bein! Bein!« rief sie und warf im Rhythmus der Musik erst ein Bein und dann das andere hoch in die Luft. Sie hatte die rechte Hand auf den Kopf gelegt wie ein kleines Mädchen, das nicht sicher ist, ob es die Bewegungen beherrscht. »Drehen! Drehen! Drehen!« rief sie und drehte sich auf der Fußspitze. »Po! Po! Po!« rief sie danach und zeigte mir wie eine Cancan-Tänzerin ihren nackten Hintern. Sie wiederholte diese Bewegungen immer wieder, bis die Musik verklang, als die Feder des Grammophons nicht mehr genug gespannt war. Als die Musik zu spielen aufhörte, hatte ich das Gefühl, Madame Ludmilla entferne sich immer weiter und werde kleiner und kleiner. Eine Verzweiflung und Einsamkeit, von deren Vorhandensein ich nichts geahnt hatte, stieg aus den Tiefen meines Wesens an die Oberfläche und trieb mich dazu, aufzustehen und aus dem Zimmer zu laufen. Ich rannte wie ein Verrückter die Treppe hinunter, aus dem Haus und auf die Straße. Eddie stand vor dem Eingang und unterhielt sich mit den beiden Männern in den glänzenden hellblauen Anzügen. Als er mich rennen sah, lachte er lauthals. »Ist das nicht Spitze?« rief er und bemühte sich immer noch, wie ein Amerikaner zu klingen. »>Der Tanz vor dem Spiegel< ist nur Vorspiel! Nicht zu fassen! Einfach nichtzufassen!«
Als ich Don Juan die Geschichte das erste Mal erzählt hatte, sagte ich ihm, daß mich
die quäkende Musik und die alte Prostituierte, die sich unbeholfen zu den Klängen
der Musik drehte, sehr betroffen gemacht hatte. Mich schockierte jedoch auch die
Erkenntnis, wie gefühllos mein Freund war.
Als ich mit der Geschichte, die ich Don Juan in den Bergen von Sonara noch einmal
erzählt hatte, zu Ende war, zitterte ich. Etwas, das ich nicht in Worte fassen konnte,
versetzte mich auf geheimnisvolle Weise in eine seltsame innere Erregung.
»Diese Geschichte«, sagte Don Juan, »sollte in dein Album denkwürdiger Ereignisse
aufgenommen werden. Dein Freund hat dir in der Tat, wie er selbst sagte, etwas für
das ganze Leben gegeben, obwohl er keine Ahnung hatte, was er da tat.«
»Für mich ist es nur eine traurige Geschichte, Don Juan, mehr nicht«, erklärte ich.
»Es ist in der Tat eine traurige Geschichte, wie übrigens alle deine Geschichten«,
erwiderte Don Juan. »Aber für mich unterscheidet sie sich von den anderen und ist
denkwürdig, weil sie jeden Menschen berührt und nicht nur dich, wie die anderen
Geschichten. Verstehst du, jeder von uns, ob jung, ob alt, tanzt auf die eine oder
andere Weise vor einem Spiegel. Du kannst alles, was du über Menschen weißt,
zusammenfassen und an alle Menschen auf dieser Erde denken, und du wirst ohne
den geringsten Zweifel wissen, ganz gleich, wer jemand ist oder wofür sich jemand
hält oder was jemand tut, das Ergebnis allen Tuns ist immer dasselbe – ein sinnloser >Tanz vor dem Spiegel«“

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